Blue Note Records – Der Sammler-Guide für Jazz auf Vinyl
Warum Blue Note der heilige Gral ist
1939 in New York gegründet von Alfred Lion und Francis Wolff – zwei jüdischen Auswanderern aus Berlin. Aus dem kleinen Label wurde die wichtigste Jazz-Schmiede aller Zeiten: Hard Bop, Cool Jazz, Soul Jazz, Avantgarde – jedes Subgenre hat seine Blue-Note-Klassiker.
Was Blue Note neben dem musikalischen Niveau besonders macht: das Cover-Design (Reid Miles), die Fotografie (Francis Wolff), das Mastering (Rudy Van Gelder). Drei Genies in Serie – und deshalb sind Originale heute Sammlerikonen.
Aber: nicht jede Blue-Note-Pressung ist Gold. Die Adresse und der Pressing-Code entscheiden über Wert und Klang.
Die Adressen – das wichtigste Erkennungsmerkmal
Blue Note hat über die Jahre die Firmenadresse mehrfach gewechselt – und die Adresse steht auf jedem Label. Sie ist der schnellste Weg, das Pressdatum zu bestimmen.
767 Lexington Ave (1948–1957)
Die ersten 10"- und frühen 12"-LPs. Mono-Pressungen im "Deep Groove" (sichtbarer Ring auf dem Label). Heute extrem selten und teuer – ab 500 Euro aufwärts, Topstücke vierstellig.
47 West 63rd Street, New York (1957–1962)
Die heilige Phase. Hard Bop in Höchstform: John Coltrane, Lee Morgan, Hank Mobley, Sonny Clark, Jackie McLean. Erkennungsmerkmal: Adresse "47 West 63rd Street, New York 23" plus Deep Groove auf den frühen Pressungen.
Wichtig: "NYC" auf dem Label = Original. "INC" auf dem Label = Reissue der späten 60er.
47 West 63rd Street, NYC (1962–1966)
Gleiche Adresse, aber ohne Deep Groove und mit "NYC" am Labelrand. Immer noch Originale, immer noch Van-Gelder-Mastering, etwas erschwinglicher als die ersten Pressungen, aber nach wie vor sehr begehrt.
Liberty (1966–1970)
Blue Note wird an Liberty Records verkauft. Pressqualität bleibt zunächst hoch, das Mastering wechselt teils weg von Van Gelder. Originale dieser Phase sind oft solide Klangerlebnisse – und deutlich günstiger als die NYC-Pressungen.
United Artists (1971–1979)
Die "dunkle Phase". Pressqualität sinkt, einige Klassiker werden auf billigem Vinyl repressed. Kollektionsstätte für Schnäppchenjäger – aber nicht jede UA-Pressung ist schlecht. Frühe UA-Repressings (1971–1973) klingen oft erstaunlich gut.
Manhattan / EMI (1985–heute)
Wiederbelebung des Labels. Audiophile Reissues von Music Matters, Analogue Productions und der hauseigenen Tone Poet Series sind heute die beste Möglichkeit, Blue-Note-Klassiker in Top-Qualität zu hören, ohne ein Vermögen für Originale auszugeben.
Rudy Van Gelder – das geheime Element
Die meisten klassischen Blue-Note-Aufnahmen wurden in Rudy Van Gelders Studio in Hackensack (bis 1959) und später Englewood Cliffs aufgenommen UND gemastert. Sein Schneidstichel hinterließ "RVG" als handgekratzten Code in der Auslaufrille – plus oft "Plastylite-Ohr" (Druckwerkscode).
RVG + Plastylite-Ohr = Original. Fehlt eines davon, ist's keine echte First-Pressung.
Mono vs. Stereo
Bis Anfang der 60er waren die meisten Blue-Note-LPs Mono. Stereo-Pressungen aus dieser Zeit sind oft seltener, aber nicht immer besser – Van Gelder mischte Mono oft direkter und punchiger. Sammlerwert: Mono-Originale 47 West 63rd liegen meist über den Stereo-Versionen.
Blaupause: Worauf beim Kauf achten
- Adresse auf dem Label prüfen
- Deep Groove ja/nein dokumentieren
- NYC vs. INC unterscheiden
- Auslaufrille auf RVG und Plastylite-Ohr checken
- Cover-Detailfotos verlangen (Ringwear, Spine Wear, Schreibspuren)
- Vinyl-Grading ehrlich – siehe unser Goldmine-Grading-Guide
Die Tone Poet Series – die ehrliche Alternative
Seit 2019 bringt Blue Note unter Joe Harleys Leitung die "Tone Poet Series" heraus: All-Analog-Mastering von Kevin Gray, gepresst bei RTI auf 180 g Vinyl, Tip-on-Cover. Klanglich oft auf Augenhöhe mit Originalen, kostet 35–50 Euro statt 500+. Für Hörer (nicht Sammler): die beste Wahl.
Die fünf Blue-Note-Klassiker, die jeder Sammler kennen sollte
- John Coltrane – Blue Train (1957) – einziges Coltrane-Album als Leader bei Blue Note
- Sonny Clark – Cool Struttin' (1958) – in Japan Kult, weltweit gesucht
- Hank Mobley – Soul Station (1960) – der definitive Hard-Bop-Standard
- Eric Dolphy – Out to Lunch! (1964) – Avantgarde-Meilenstein
- Herbie Hancock – Maiden Voyage (1965) – Modal Jazz für die Ewigkeit
Originale dieser fünf liegen je nach Zustand zwischen 200 und 1500 Euro. Tone-Poet-Reissues bekommst du für 40 Euro.
Fazit
Blue Note zu sammeln ist wie Wein: die Jahrgänge zählen, die Adresse zählt, das Mastering zählt. Wer beim Kauf weiß, wonach er sucht, kann auch heute noch Schnäppchen machen – und wer einfach nur Jazz hören will, ist mit der Tone Poet Series perfekt bedient.
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